Zu den Marquesas – zweite Woche auf See

7. Tag, 5. Mai: Das Schiff „rennt“, wenn es mindestens 15 Knoten Wind hat, wie auf Schienen. In der Nacht mit Spitzen bis zu 8,5 Knoten. Doch diese Geschwindigkeiten halten…
7. Tag, 5. Mai:

Das Schiff „rennt“, wenn es mindestens 15 Knoten Wind hat, wie auf Schienen. In der Nacht mit Spitzen bis zu 8,5 Knoten. Doch diese Geschwindigkeiten halten leider nicht lange an. Der 60 cm lange Mahi Mahi, den wir am Sonntag an der Angel hatten, hat uns heute gebraten und mit Gurken-Kartoffelsalat (Rezept von Gerdi) herrlich gemundet. Fabian fragt uns per Mail, „was wir denn so, außer lesen, den ganzen Tag machen?“ Das Problem auf Langstrecken ist, dass man durch das ständige Wachegehen im 3 Stunden Rhythmus, rund um die Uhr, permanent müde ist. Selbst das Lesen strengt da an, Hörbücher mit dem PDA hören ist da sehr angenehm. Vom hellen Tag, der hier in unmittelbarer Nähe des Äquators, wir sind jetzt auf 6° Süd, ziemlich genau 12 Stunden beträgt, bleibt nicht viel Zeit übrig. Das ganz normale Bordleben läuft ähnlich ab wie zu Hause, nur kostet jede Tätigkeit mehr Zeit und Anstrengung, denn im ständig bewegten Schiff braucht man immer eine Hand zum Festhalten oder man muss sich irgendwo einklemmen, damit man mit 2 Händen was tun kann, z.B. Zwiebeln schneiden. Das Brett muss auf einer rutschfesten Folie liegen, weil man sonst plötzlich im leeren Raum schneidet. Kaffee kochen geht nur unter Bewachung und mit festgeklemmter Kaffeekanne auf dem halbkardanisch aufgehängten Herd,

ansonsten würde das aufgebrühte Kaffeepulver überall hin schwappen, um bloß nicht gefiltert zu werden. Allein fürs das Frühstück braucht man mit allem Drum und Dran gut 2 Stunden. Alle 2 bis 3 Tage muss Renate ein Brot backen, das ganz normale Mittag- und Abendessen zubereiten und natürlich muss auch anschließend das Geschirr wieder von Hand gespült werden. Dabei muss man immer auf der Hut sein, dass keine Schüssel oder Tassen durchs Schiff sausen. Die Zeit, die benötigt wird, um das Schiff unter Segel am Laufen zu halten, Wind und Welle ändern sich ja ständig, darf nicht unterschätzt werden. Segel müssen gerefft und wieder ausgerefft werden, bei weniger Wind setzen wir auf diesem Kurs das Leichtwindsegel, den Blister. Regelmäßig muss das handschriftliche Logbuch geführt werden. Oft sind die Bedingungen so übel, dass man im Salon nicht am Computer sitzen und Mails oder etwas Anderes schreiben kann, weil es einem bei diesem Geschaukel schnell schlecht wird, wenn man sich auf den Bildschirm konzentriert. Dann bleibt nichts weiter übrig, als sich in die Plicht zu setzen, zum Horizont zu schauen und seinen Gedanken nachzuhängen. Das Ganze ist, wenn die Wetterbedingungen gut sind, gar nicht so spannend wie man es sich zuhause oft vorstellt. Da wir momentan auf Steuerbordbug laufen, kann man wenigstens einigermaßen gut in der Leekoje im Salon schlafen und hat in der Plicht im Lee, mit Kissen abgepolstert, einen ganz gemütlichen Platz um die Nachtwachen zu überstehen. Da träumt man dann vom Ankommen und von einer nicht wackelnden, waagerechten Koje in einer ruhigen tropischen Ankerbucht. Die ersten 1000 Meilen haben wir schon geschafft. Position: S 05?50,20′ W 105?37,80′ Etmal: 143 Meilen.

8. Tag auf See, 06. Mai

Meine Nachtwache beginnt mit Squalls mit bis zu 25 Knoten Wind, zwar kein Regen, doch der Autopilot kann das Schiff nicht halten und so steure ich 2 Stunden von Hand. Mit über 7,5 Knoten pflügt das Schiff durchs Wasser. Wir reffen die Genua ein Stück ein, dann übernimmt der Autopilot wieder seine Arbeit. Den ganzen Tag haben wir zwischen 15 und 20 Knoten Wind und laufen mit 6 bis 7 Knoten, einfach Klasse, dass wir den Passat so gut erwischt haben, hoffentlich hält’s an. Auf der Funkrunde mit Günter hören wir, dass Segelfreunde von uns, die AHU und die Upps auf Fatu Hiva angekommen sind und dass der Platz dort eng wird. Doch bis wir ankommen, werden sie alle bereits weitergezogen sein. Nachts um 23 Uhr, in Deutschland ist es 7.00 Uhr nächster Tag (07.05.), hat Helmut mit Werner (DL4TJ) aus Hochdorf eine Funkverbindung auf 7080 kHz (40 Meter Band) und kann ca. 1 Std. mit ihm sprechen. Werner schaltet dann noch Echo Link (Internet) dazu und nun können auch andere Funkamateure, die keine so starke Anlage haben wie er, ebenfalls mit uns reden. Phantastisch, was mit der Technik alles machbar ist, wo wir doch nach dem GPS mehr als 12500 km von zuhause entfernt sind. Aus der Bordküche gab es heute: Grüne Stangenbohnen angeschmort mit Zwiebel, Knoblauch, Tomaten und Schafskäse, dazu Reis und kleine Bratwürstel. Position: S 06?13,42′ W 108?02,45′ Etmal: 148 Meilen.

12. Tag auf See, 10. Mai:

In den letzten 3 Tagen sind wir sehr gut vorangekommen, Wind 15 bis 20 Knoten aus Südost, die Genua steht voll ausgerollt und das Großsegel mit einem Reff, so läuft das Schiff mit 6,5 Knoten unter Windfahnensteuerung, d.h. kein Stromverbrauch, direkt dem Ziel entgegen. In zwei Nächten frischte der Wind für ein paar Stunden auf und bescherte uns bis zu 25 Knoten Wind und Regenschauer dazu, da mussten wir die Steuerung dann selbst in die Hand nehmen. Ansonsten alles sehr geruhsam, nur weites blaues Wasser und hellblauer Himmel mit weißen Passatwölkchen über uns. Wir allein in unserem Schiff auf diesem endlosen Ozean. Die Entfernungen kann man nicht wirklich realisieren, das mit weißen Schaumkrönchen verzierte Meer reicht immer nur bis zum Horizont, was danach kommt, weiß man zwar, kann sich die Weite aber nicht vorstellen. Überrascht lesen wir im Reiseführer, dass der Pazifik so groß ist, dass die gesamten Landmassen der Erde hineinpassen. Die Zeit, die wir jetzt schon unterwegs sind, verdeutlicht uns, dass es eine wirklich lange Strecke ist. Ganz alleine sind wir natürlich nicht, die SY Tuulivei ist ca. 30 Meilen entfernt, aber sehen konnten wir sie bisher nicht, nur über Funk miteinander sprechen. Beim Kontrollgang über Deck stellt Helmut fest, dass 8 Nieten des Baumkicker (stützt den Großbaum von unten) ausgebrochen sind. Beim nächsten kräftigen Windstoß wäre uns der kreuz und quer geschlagen. Fast 3 Stunden sind wir damit beschäftigt, die angerissenen Nieten aufzubohren und durch neue zu ersetzen. In solchen Momenten ist man froh, wenn man alles notwendige Werkzeug, insbesondere eine große Nietenzange und die hoffentlich passenden Nieten an Bord hat. Damit die Schwingbelastung auf den Baumkicker etwas abgefangen wird, binden wir den Großbaum mit Bullenstander nach beiden Seiten ab und setzen die Dirk auch etwas mehr durch. Die hat nämlich am Großsegel durch das ständige Schamfilen bereits das obere Achterliek aufgescheuert. Nach dieser „Arbeit“ stärken wir uns mit einer kräftigen Rindfleischsuppe mit Nudeln. Position: S 07°45,13′ W 117°17,84′ Etmal: 149 Meilen. 11. Tag auf See, 09. Mai: Bergfest, 1483 Meilen zurückgelegt, noch 1460 Meilen to go. Als Festessen gibt es gekochtes Rindfleisch mit Meerrettichsoße, Salzkartoffel und Apfelpüree. Position: S 07°27,13′ W 114°51,42′ Etmal: 149 Meilen. 10. Tag auf See, 08. Mai: Heut machen wir mal außer Blister für den Tag setzen und den Motor für 3 Stunden zum Batterieladen laufen lassen, gar nichts, dann ist das auch schon mal gemacht. Aus dem Kürbis, den ich in Colon im März gekauft habe, bereite ich eine Kürbiscremesuppe mit Hühnerbrühe und Kokosmilch zu. Tolles Rezept. Position: S 07°05,70′ W 112°24,07′ Etmal: 142 Meilen. 9. Tag auf See, 07. Mai: Heute Nacht war er da „Der Schwarm – Angriff aus dem Meer“ Am Morgen zählen wir 25 fliegende Fische und einen Kalamari an Deck und sammeln sie fürs Gruppenfoto. Überall an Deck kleben Fischschuppen, mit zunehmender Sonneneinstrahlung riecht wie auf einem Fischkutter, der nächste Regen wird’s wohl wieder wegwaschen, denn das kostbare Watermakerwasser ist uns dafür zu schade. Mittags gibt es Apfelpfannkuchen (die Äpfel müssen weg) mit Zimtzucker und Cappuccino, abends wird das frisch gebackene Weizenmischbrot mit Salami und saure Gurken gevespert. Position: S 06°37,81′ W 110°05,48′ Etmal: 127 Meilen.

13. Tag auf See, 11. Mai:

Pfingstsonntag, an Bord macht es keinen Unterschied, ob es Sonntag oder Werktag ist, wenn man morgens den Kopf rausstreckt, ist die Aussicht immer die Gleiche, blaues Wasser, Wellen und blauer Himmel. Hin und wieder fegt ein Schwarm fliegender Fische über die Wellen, sonst nichts – nada. Als nächstes kommt dann gleich die Frage: „Was kochen wir uns denn heute, was hat Keller und Küche zu bieten, was muss weg?“ Lasagne hatten wir schon lange nicht mehr und der Mozzarella muss sowieso aufgebraucht werden. Weil die Zubereitung von Lasagne doch etwas aufwendig ist, mache ich gleich für morgen eine Schale mehr, dann lohnt es sich eher. Mails abrufen und Senden wird immer problematischer, weil die Funkbedingungen aufgrund der grösser werdenden Entfernungen zu den Stationen in Amerika schlechter werden und Neuseeland noch zu weit weg ist. Da ist es unmöglich, an den Text fürs Online-Logbuch ein Bild anzuhängen, dafür hält die Verbindung nicht lange genug. Position: S 08°05,47′ W 119°31,60′ Etmal: 136 Meilen.

15. Tag auf See, 13. Mai:

Vom Winde verweht, aus der Traum von der schnellen Reise zu den Marquesas. Die Gribfiles (Windvorhersagemodelle), die Helmut jeden Tag per Airmail abruft, verkünden abnehmenden Wind auf 5 Knoten oder noch weniger für die nächsten 3 Tage. Bei 5 Knoten bewegt sich unser 15 Tonnen Schiff höchstens, wenn der Motor läuft oder Strom mit uns ist. Das darf doch nicht wahr sein, dann kommen wir ja nie an! Und sie stimmen, die Gribfiles, meistens jedenfalls. Pünktlich zum Frühstück schlagen die Segel und nichts geht mehr. Motor an, die Batterien müssen so wie so geladen werden. Nach 3 Stunden haben wir achterlichen Wind und setzen den Spinnaker, Spibaum anschlagen, alle Leinen rausholen und anschlagen – bis alles an seinem Platz und der Spi oben ist, ist 1 Stunde vergangen und dann bleibt er nicht stehen, einfach zu wenig Wind. Also alles wieder runterholen und weil der schwache Wind jetzt fast aus Süd kommt und sich daraus ein leichter Amwindkurs ergibt, versuchen wir’s erneut mit dem Blister, doch auch der bleibt bei dem Hauch von Wind nicht stehen und wird wieder in den Sack gepackt. Jetzt steht nur noch das Großsegel und wir treiben mit 1,5 Knoten. Flipp-flapp, flipp-flapp so schlägt das Großsegel, die weiche Dünung mit fein gekräuselten Wellen hebt das Schiff sanft nach steuerbord hoch, damit es nach backbord die Welle wieder hinunterrutschen kann. Keine sehr angenehme Art der Fortbewegung. Wir haben jedenfalls alle Möglichkeiten ausgelotet und müssen uns nicht vorwerfen, wir wären zu faul zum Segelsetzen gewesen. Doch das alles macht keinen Sinn, für den Rest des Tages, 5 Stunden, üben wir uns in der hohen Kunst des Motorens. Entgegen unserer Gewohnheit ziehen wir am Abend, trotz der bevorstehenden Nacht, den Blister wieder hoch. Mit 8 Knoten Wind bringt er immerhin einen Speed von 4 Knoten ins Schiff. Bei zunehmendem Mond und sternenklarer Nacht segeln wir ruhig dahin, aufmerksames Wachegehen verhindert, dass uns ein Squall überraschen kann. Heute gab es zum Frühstück frisch gebackene Brötchen und mittags Chinapfanne mit eingekochtem Rindfleisch und Reis. Position: 08°44,93 S, 123°10.47 W, Etmal: 103 Meilen.

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